Schnick Schnack Schnuck: RWE-Kohle durch Hambi-Loch

„Stoppt Landgrabbing“ steht auf dem Papier-Transparent.

Für ein handelsübliches Päckchen Kopierpapier (500 Blatt DIN A4, 2,3 kg) werden 7,5 Kilogramm Holz, 130 Liter Wasser und 26,8 Kilowattstunden Energie benötigt. Die Herstellung von Papier aus Holz ist Energie-aufwändig, sowie Wasser- und Rohstoff-Intensiv.Es ist ein sonniger Nachmittag und ich fahre mit eingeschenkt.tv Richtung Hambacher Wald. Die Anfahrt dauert ein paar Stunden. So gibt es genug Zeit die Umgebung zu beobachten: Emissionen, Stickstoffoxide, Kohlenwasserstoffe, Kohlenmonoxid, Partikel, Kohlendioxid und Lärm. Durchschnittlich sitzt in jedem vorbei und gegen fahrendem Auto eine, maximal zwei Personen – die Mobilität. Je höher die Mobilität eines Landes, desto höher der Wohlstand. ?„Robert, halte ein. Wir essen einen schönen sächsischen Bratwurst bevor wir bei Wessis sind,“ sagt Sascha aus Vogtland und prüft seine Kamera, ob alles richtig funktioniert. An dem Holz-Bratwurststand neben einem riesigen Supermarket steht eine Schlange. Der Verkäufer grillt, Brennmaterial: Holzkohle und die Kunden warten ungeduldig auf den schnellen Hunger-Löscher. Kurz von Köln am Rhein fahren wir die Landstraße entlang eines Holzhauses wie aus den Geschichten von Astrid Lindgren.

„Herzlich Willkommen,“ laden uns unsere Gastgeber ein. Im Haus stehen Schränke, Stühle, Tische, Betten – aus Holz. Ich schreibe meine Notizen auf ein Stück Papier:

“Das Holz ist einer der stabilsten Stoffe im Pflanzenreich. Das Holz ist eines der am meisten genutzten Pflanzenprodukte der Welt. Das Holz ist der nachwachsende und wichtige Rohstofflieferant überhaupt. Das Holz ist immer verwendet: Bau von Tempeln, Palästen, Kriegsschiffen(…).”

Laut Waldfiebel ist der deutsche Wald durchschnittlich 77 Jahre alt und wird nachhaltig bewirtschaftet. Das Konzept der Nachhaltigkeit sieht vor, dass für jeden gefällten Baum ein neuer angepflanzt werden soll.

Selbst Brücken und riesige Hallen können aus dem Rohstoff errichtet werden, was 2000 durch das freitragende EXPO-Dach des deutschen Pavillons aus Weißtannen bewiesen wurde. (Quelle Waldfiebel)

Ein weiteres wichtiges Produkt ist die Holzkohle. Es wird vor allem aus Buchenholz durch die Erhitzung in Metall-Öfen gewonnen. Damit bleibt kein Stückchen Baum ungenutzt. Wer schon einmal an einem Kachelofen saß, in dem ein knisterndes Feuer brannte, weiß wie angenehm diese Wärme ist. Tatsächlich ist das Heizen mit Holz eine umweltfreundliche Alternative zu fossilen Brennstoffen. Während Erdgas und Mineralöl fossiles Kohlendioxid (CO2) freisetzen, verbrennt Holz CO2-neutral.Braunkohle und Steinkohle gehören zu den Bodenschätzen um die Kraftwerke zu betreiben, die uns mit Energie versorgen und Wärme für unsere Heizungen produzieren. Braunkohle liegt nahe der Erdoberfläche. Deshalb kann sie unter freiem Himmel im Tagebau abgebaut werden. Steinkohle wird im Ruhrgebiet gefördert. In Steinkohle ist mehr Energie enthalten, deshalb ist sie wertvoller. Sie liegt allerdings bis zu 1 000 m tief in der Erde. Man muss die Schächte in die Erde graben.Den 06. Oktober 2018 findet auf der Wiese nördlich des S-Bahnhofs Buir (unmittelbar Hambachers Walds) die Großdemonstration der Initiative Buirer für Buir, des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), von Campact, Greenpeace und NaturFreunde Deutschlands gegen der Räumung des  rund 12 000 Jahre uralten Hambacher Walds statt, Spitzname: HAMBI.

Es kam 50 000 Aktivisten.Das Verwaltungsgericht Aachen hob das Verbot der Demo auf „Das ist heute die zweite schallende Ohrfeige für die NRW-Landesregierung und RWE“, so die Veranstalter.HAMBI ist in den vergangenen Jahren zu einem Symbol des Widerstands gegen den Kohle-Abbau im rheinischen Braunkohle-Revier geworden. Die Gesamtfläche  beträgt 100 ha. Vor dem Kohlenabbau war es 4 100 ha. Der Tagebau umfasst ein 85 km²Abbaufeld.

Bis 2040 plant der Energiekonzern RWE Power AG dort den Abbau von insgesamt 2,4 Milliarden Tonnen Braunkohle.An der Straße steht ein tschechischer Bus. Die Aktivisten aus dem Nachbarland sind gekommen um HAMBI vor Ort zu schützen. Die Busfahrt-Organisatoren heißen Hnutí Limity und Kolektiv 115, die auch die Proteste vor der deutschen Botschaft in Prag organisiert haben.Ab ca. 11:00 Uhr gibt es kein Zug mehr nach Buir, und die Shuttle-Busse bleiben im Stau stecken. So startet die Demonstration als teils über 10 km langer Sternmarsch aus allen Richtungen der Region, über alle Feldwege und Bundesstraßen. Glücklich ist, wer mit dem Rad oder zu Fuß da ist.Die Wiese verwechselt sich in eine riesige Party mit Musik, Reden, Verkaufsbuden. Im Angebot steht Gerichte aus Plastik-Tellern, Getränke in Papier-Becher.Die Demonstranten laufen mit Handys rum und machen Selfies. „Verdammt, ich habe mein Handy aufladen vergessen. Die Batterie ist alle,“ erzählt ein Junge mit schwarzen Tuch über den Mund seinem Kumpel, dessen Gesicht nicht erkennbar ist, da er noch eine Sonnenbrille trägt.

„Warum zeigst du nicht dein Gesicht an?“ frage ich neugierig.

„Weil ich das nicht will,“ antwortet er sofort und dreht sich zu mir mit dem Rücken um.

„Kein Gesicht, keine Meinung,“ sagt ein Mann neben mir mit schwarzen Hund. „Diese Leute machen die ganze Aktion kaputt,“ so er noch dazu.Ein paar Meter vom Podium parken die Traktoren ein – mit Transparenten geschmückt:

“Ackerland in Bauernhand”

“Wer seinen Enkeln eine Grubbe gräbt …”

“Erst reden –nicht roden”

“Irrweg”

“Kohle oder Zukunft”

“falscher Weg”

“baggert uns nicht an”

Die Maschinen sind an – voll getankt. „Wächst du dich?“ frage ich einen sympatischen Jungen mit Kastanien-Haar, der in dem Wiesencamp mit ca. 50 weiteren Waldmenschen lebt. Die Leute haben sich absolut vom Alltag und Konsum distanziert.„Frag mich lieber nicht und setzt dich hin,“ sagt er und grinst.

Wir setzen vor seiner Hütte und er erzählt mir seine Geschichte: „Ich bin hier total zufrieden. Ich brauche nicht viel und wen mich Freunde besuchen wollen, können sie jederzeit vorbeikommen.” Vorbei läuft ein anderer Junge. Er ist barfuß. „Was isst du und was trinkst du?“ frage ich ihn. Er steht auf und als ein guter Gastgeber nimmt er aus dem Stuhl eine geöffnete Rotwein Flasche und eine Tasse daneben, die nach dem Kaffee riecht, gießt einen Schluck Wein rein und bietet mir den an. Ich trinke das aus. Es ist kurz vor dem Mittag.

„Wir bekommen Spenden. Alles ist genug da,” sagte er. „Pflanzest du nicht selber die Kartoffeln und Gemüse an?“ frage ich ihn überraschend weiter nach.

„Nein, brauche ich nicht. Nur Gewürze,“ so er. Dann nimmt er einen Joint, zündet den an und genießt die Leichtigkeit. „So, schön ist das Leben,“ verabschiedet er sich von mir und geht in die Hütte schlafen.Das Wiesencamp befindet sich unmittelbar am HAMBI, wo heute die Höhle los ist: Aktivisten, Demonstranten, Zuschauer. Man sieht keine Rehe, keinen Hasen, man hört sogar keine Vögel. Der Wald wurde heute durch einen Zivilisationsalarm attackiert.

An vielen Wald-Orten kann man die Reste von den Baumhäusern sehen, die hier die “Waldmenschen” aufgebaut und aufgehängt haben. Über 70 Baumhäuser wurden im Hambacher Forst in den letzten Monaten abgerissen. Ein Mensch ist gestorben. Die Proteste dagegen gehen immer weiter.Je tiefer in den Wald, desto mehr Demonstranten. Sie bauen auf den Waldwegen Barrikaden, aufgehäuft aus rumliegenden Stämmen und Ästen.„Das ist fruchtbar. Die Leute wollen angeblich der Natur helfen. Das sind abgestorbene Bäume, das sogenannte Totholz. Es stellt einen bedeutenden Lebensraum für bestimmte Tiere dar. Die Leute sollen sich erstmal informieren, wie sie den Wald schützen können, bevor sie hier rumschreien und mit dem Wald bewegen. Ich habe auf dem Waldweg schon 3 Bierflaschen gesehen. Was denken Sie, welcher von den Aktivisten hat diese aufgehoben? Keiner, alle sind „blind“ und laufen vorbei,“ erzählt Antje aus Köln und schaut sich das RWE-Bild an dem Waldweg an. Zwischen der HAMBI und der RWE-Gelände bildet sich eine dicke Atmosphäre. Die Aktivisten wollen unbedingt auf das Abbau-Gebiet gehen. Es wird skandiert: „Hambi bleibt.“Panik? Angst? Unsicherheit? Taktik?Polizisten und Reit-Kräfte, 2 Angestellten aus Energiekonzern, ein Ranger-Auto und eine Genehmigung von RWE: 

Betretungsverbot der Betriebsgelände wurde für heute aufgehoben.Der eine Polizist kommentiert die Situation, dass RWE das Gebiet für heute zugänglich gemacht hat, damit sich die Leute die Grubben anschauen können. „Am Rande der Grube ist es aber sehr gefährlich, seien Sie bitte vorsichtig und rutschen Sie nicht,“ warnt der Polizist die Aktivisten. Keiner hört zu und alle laufen eine Richtung: Loch. Die Leute springen über die Gelände-Wellen, laufen wie verrückte Kinder und wundern sich über dem Staub von der trockenen Erde.Menschen, die die Grube zum ersten Mal sehen, sind geschockt. Sie setzen sich am Rand der Grube und picknicken hier und werfen Steine und Erde auf den riesigen Bagger. RWE-Angestellte protestiert mit Gestik. Es geht nicht nur um HAMBI. Schauen Sie sich Dorf Immrath. Das war ein kleines Nest ca. 100 km von hier entfernt und lag auf dem „Kohlen-Boden“. In zwei Tagen war die  Dorfs-Lambertskirche von 19. Jahrhundert abgerissen. In dem Dorf sind mehr als Tausend Menschen bewohnt und seine Bewohner wurden im Jahr 2006 in die „neue Immrath“ umgesiedelt. Der Friedhof wurde sogar zerstört,“ erzählt Marie aus Saarland.Mit 654 Mrd. kWh hat die Stromerzeugung in Deutschland 2017 den höchsten Wert seit 1990 erreicht. Den größten Beitrag zum Strom-Aufkommen liefern Stein- und Braunkohle, die zusammen auf etwa 242 Mrd. kWh kommen. An zweiter Stelle liegen die regenerativen Energien. Ihr Beitrag zur Stromerzeugung steigt 2017 über alle Energieträger betrachtet auf etwa 217 Mrd. kWh an, was einem Anteil von 33 Prozent an der gesamten Stromproduktion in Deutschland entspricht.Der größte Stromanbieter in Deutschland heißt RWE. Die Kunden sind wir, nicht nur die RWE-Geschäftsführung oder die RWE-Angestellten. Die Opfer sind unsere Kinder. Laut dem Stromspiegel 2017 verbrauchen Haushalte in Deutschland im Schnitt so viel Strom:

  • Haushalt mit einer Person: 2.300 kWh
  • Haushalt mit zwei Personen: 3.000 kWh
  • Haushalt mit drei Personen: 3.600 kWh
  • Haushalt mit vier Personen: 4.000 kWh
  • Haushalt mit fünf Personen: 5.000 kWh

Waldanteil nach Bundesländern:

  • Hessen  42%
  • Rheinland-Pfalz  42%
  • Saarland  40%
  • Baden-Württemberg  38%
  • Bayern  37%
  • Brandenburg, Berlin  37%
  • Thüringen  34%
  • Sachsen  29%
  • Nordrhein-Westfalen  27%
  • Niedersachsen   25%
  • Sachsen-Anhalt  26%
  • Hamburg und Bremen  12%
  • Mecklenburg-Vorpommern  24%
  • Schleswig-Holstein  11%
  • Deutschland  32%Hand aufs Herz: Nutzen Sie den Strom sparsam?

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